Im Inneren des Romans
Paul Auster reflektiert über das Wesen des Zufalls
„Es war schön, wieder da zu sein, schön, wieder da sein zu wollen, und in dem Glücksgefühl, das mich überkam, als ich wieder an meinem alten Schreibtisch sass, beschloss ich, das Ereignis durch einen Eintrag in das blaue Notizbuch zu feiern." Einen besseren Aufhänger für einen Roman über die Fallstricke des Schreibens könnte es kaum geben. Am 18. September 1982 betritt Sidney Orr, nach einem schweren Unfall noch in der Rekonvaleszenz, einen Schreibwarenladen und erwirbt besagtes Notizbuch. Doch warum schliesst der chinesische Händler sein Geschäft einen Tag nach dem Kauf, bloss um es eine Woche später andernorts neu zu eröffnen? Warum wird Orr nicht in seinem Arbeitszimmer gesehen, obwohl er beschwört, dass er es nicht verlassen hat?
Paul Austers Roman „Nacht des Orakels" trägt seinen
Titel durchaus zu Recht. Er wirft mehr Fragen auf als beantwortet
werden und präsentiert am Ende eine Auflösung, die
eigentlich keine ist. Der Erzähler Sidney Orr jedenfalls merkt
eines bald sehr deutlich: Nachdem er das „Paper Palace"
verlassen hat, gerät seine Welt aus den Fugen. Ein blosser
Zufall — oder besteht tatsächlich eine
geheimnisvolle, magische Verbindung zwischen dem Kauf des Notizbuchs
und den Ereignissen der folgenden neun Tage? Sidney Orr ist von John
Trause, ebenfalls Schriftsteller und engster Freund seiner Frau Grace,
gewarnt worden. Vorm Schreiben überhaupt, was Trause am
Schicksal eines Freundes demonstriert, der die Wiederholung seines
Romans in der Realität erlebt hat und seitdem aus Furcht vor
der prophetischen Gabe der Worte verstummt ist. Und speziell vor blauen
Notizbüchern aus Portugal, die angeblich alle Geschichten, die
man in ihnen niederschreibt, abbrechen lassen.
Aber stellt nicht jedes Buch einen Papierpalast dar, in dem die
Imagination frei umherwandeln kann, eine Zimmerflucht ineinander
verschränkter Texte, die immer neue Zusammenhänge
generiert? Sidney Orr will keine ausformulierte Story schreiben,
sondern nach dem Verlust der Gesundheit allmählich sein
Selbst, die Welt und die Sprache wieder entdecken. Er erinnert sich
eines Gesprächs, in dem Trause die Flitcraft-Episode aus
Dashiell Hammetts „Malteser Falke" erwähnte
— Flitcraft fährt, nachdem ihn ein
herabstürzender Balken fast erschlagen hat, „in eine
andere Stadt und fängt sein Leben noch einmal von vorne an"
— , und nimmt diese Konstellation als Ausgangspunkt
für seine eigene Variante der Geschehnisse.
Orrs zunächst nur skizzenhaft resümierte Story
bekommt bald die Dimension einer eingeschalteten Erzählung:
Der Lektor Nick Bowen gelangt in den Besitz eines Romans mit dem Titel
„Nacht des Orakels" aus dem Nachlass der Schriftstellerin
Sylvia Maxwell. Kurz darauf passiert ihm ein ähnlicher Unfall
wie Flitcraft. Bowen verlässt noch am selben Abend die Stadt,
ahnt jedoch nicht, dass er bald mittellos und auf die Hilfe eines
Taxifahrers namens Ed Victory angewiesen sein wird. Ed heisst
eigentlich Johnson und ist alles andere als ein Sieger, denn er kam nie
über seine Eindrücke bei der Befreiung des
Konzentrationslagers Dachau hinweg. Gründete er deshalb das
„Büro für Geschichtspflege" und sammelt
Telefonbücher, die in einem unterirdischen Raum lagern?
Als Sidney Orr den Protagonisten Nick Bowen in eine ausweglose
Situation gebracht hat, bleibt er selbst in seiner Geschichte stecken
und verfasst kurzfristig ein Drehbuchexposé für
eine Neuverfilmung von H.G. Wells’ „Zeitmaschine".
Scheitert dieses Projekt, weil es allein der Verbesserung seiner
finanziellen Situation dient oder weil er sich allzuweit von der
Vorlage entfernt und sie in eine Parabel über die
Unabänderlichkeit historischer Ereignisse verwandelt hat? War
es nicht das, was den Helden des Romans „Nacht des Orakels"
von Sylvia Maxwell in den Selbstmord trieb — dass er
voraussieht, wie seine Frau ihn unweigerlich betrügen wird?
Den Warnungen Trauses zum Trotz nutzt Orr die verbliebenen Seiten des
Notizbuchs, um eine Geschichte zu schreiben, die das Verhalten seiner
Frau Grace erklären soll. Warum, fragt er sich, brach sie im
Taxi in einen Schreikrampf aus? Warum verliess sie ihn für
einen Tag ohne eine Nachricht zu hinterlegen? Warum beharrte sie auf
einer Abtreibung? Orr erfindet eine Geschichte, die so plausibel ist,
dass sie wahr sein könnte. Und auf wunderbare Weise erscheint
plötzlich das verborgene Thema des Buchs: die Liebe, die
Illusionen ebenso braucht wie die Vergebung von Verfehlungen.
Paul Auster ist in „Nacht des Orakels" selbst ein Meister der
Variation, der mit erstaunlicher Frische wie stets über
Ordnung und Chaos, Zeit und Identität, Schreiben und Leben,
Realität und Fiktion und deren zufallsbedingte Wechselwirkung
reflektiert. Dabei sind diese Ebenen in einem erdrückenden
System von Verdopplungen, Spiegelungen und Wiederholungen verschlungen.
Das Paradoxe: Auster konstruiert einen Roman, indem er dessen Struktur
dekonstruiert und die Erzählsplitter, die willkürlich
aneinander gereiht scheinen, zugleich als wohlkalkuliertes Spiel einer
auf sich selbst verweisenden Künstlichkeit herausstellt.
In einer solchen Konstruktion sind die Grenzen zwischen textinterner
und textexterner Wirklichkeit durchlässig: Der Nachname von
John Trause ist ein Anagramm von ‘Auster’; die
Verlage von Orr und Auster klingen ähnlich; die
bibliografischen Angaben realer Bücher und der Reprint aus
einem Warschauer Telefonbuch untermauern in den langen Fussnoten den
Eindruck des Authentischen und fungieren als faktische Absicherung
gegen das Geheimnisvolle und Unwahrscheinliche. Die verschiedenen
textinternen Ebenen sind ebenfalls raffiniert miteinander
verknüpft, dadurch etwa, dass John Trause als Bekannter des
Taxifahrers Ed auftaucht. Noch komplexer ist die doppelt gespiegelte
Beziehung von Flitcraft und Bowen: Beide sind fiktive, jeweils von den
Erzählern Sam Spade und Sidney Orr erfundene Figuren; Orr
wiederum bezieht sich als fiktive Person aus Austers Roman auf ein Buch
der textexternen Realität, Hammetts „Malteser Falke".
Ein Text soll, wie Auster in einem Essay erklärt hat, ein
„Sprungbrett für die Imagination" sein. Und
tatsächlich sensibilisiert uns Austers Roman dafür,
immer weitere Fragen zu stellen: Warum berichtet Sidney Orr die
Ereignisse aus einer Distanz von zwanzig Jahren, ohne dass man etwas
über seine Gründe, die Geschichte gerade jetzt
mitzuteilen, erfährt? Warum verfügt der
Erzähler über kein anderes auktoriales Wissen als
sein früheres Ich? Transparenz, Ökonomie und
bewundernswert dichte Verarbeitung der Motive garantieren eine ebenso
intelligente, nachdenklich stimmende wie spielerisch-unterhaltsame
Lektüre. Paul Auster erweist sich erneut als charismatischer
Dirigent einer mächtigen Musik des Zufalls.
Jürgen Brôcan
Paul Auster: Nacht des Orakels. Deutsch von Werner Schmitz.
Rowohlt-Verlag, Reinbek 2004. 286 S., 33.60 Fr