13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München 


Keki N. Daruwalla
Leben auf Bindestrichen
Leben auf Bindestrichen,
ein Mann muß seinen Anker werfen.
Zwischen Traum und Landschaft
und zwischen Traum und dem dunklen Blut,
das auf Pflastersteinen gerinnt;
zwischen Hierarchie und Verwirrung;
zwischen dem langsamen Rhythmus der Jahreszeiten
und dem rasenden Puls des Blutes -
muß ein Mann zu einigen
Arten und Weisen des Verstehens kommen.
Manche Leute sind glücklich:
sie sind tätig unter zwei Himmeln;
ein Himmel des Gefühls
für jede Mundart der Liebe,
die sie instinktiv besitzen;
und ein anderer Himmel der Geschichte
über jeder einzelnen Vergangenheit.
Zwischen Gesicht und Maske,
die schöner aussieht als das Gesicht;
zwischen der Liebe zum Land
und dem Haß auf die Zeitläufte;
zwischen dem Dunst, in dem man lebt,
und der Hoffnung, durch die man weiterlebt -
muß ein Mann, eine Frau
zu einem Verständnis gelangen.
Doch Freude liegt im Bekannten,
im Halbschatten, den man spüren kann.
Nicht notwendig Ruß aus den Himmeln
und die kiesverkrustete Luft -
sondern der gestrige blaue Raum, der noch pocht
von gestrigem Licht und Radiosignalen.
Froh über einen verpackten Himmel,
eine Gefühl - Liebe,
ein Gespür - des Verlusts,
ein Fenster - Verzweiflung.
(aus dem Englischen übertragen von Jürgen Brôcan)
 
 
Keki N. Daruwalla
Das Gedicht
Irgendwo wie ein Schatten in der Nacht,
wie ein schwarzes Mineral in der Erde,
irgendwo in einem Spiegel, der dir deine Träume zeigt,
wartet ein Gedicht,
engelhaftes Licht.
Durch die Jalousien dringt dieser Lichtsplitter
und läßt das Gedicht auferstehen aus dem kalten Vergessen der Zeit
und stupst seine Funken in die Wärme.
Dies Gedicht brauchte seine eigene sanfte Zeit, um aufzutauchen;
es hat gewartet, seit
das Wort, in sein Echo gehüllt,
aus einer heiligen Höhle erschien,
seit Dialekt, durch irgendeine verbale Alchimie,
in Sprache verwandelt wurde;
seit die erste Zuckung der Tyrannei
dem Gesicht der Autorität Narben zufügte.
Es hat lange geschlafen, dieser
Embryo, eine halbe Ewigkeit,
und plötzlich kann es nicht mehr länger warten.
Jetzt befindet es sich auf der Ausreise,
überstürzt im Verlangen,
es sucht nach einer Seele, einem Körper,
durch den es gesprochen wird.
Es gibt blutige Gedichte, die dich zum Messer greifen lassen,
und Todesgedichte, die dir eines Geiers
Blickwinkel verleihen auf das, was der Geier sieht;
und Gedichte, die sich selbst bestimmen
für einen speziellen Ort:
graue Mauer hinter dir und vor dir Gewehre.
 Solche Gedichte fallen schrecklich
über den Gefährdeten her.
Das Gedicht über Stalin war ein solches Gedicht.
(aus dem Englischen übertragen von Jürgen Brôcan)
 
 
Keki N. Daruwalla
Der Glasbläser
Er kannte das Glas und seine Geschichte:
Amenhoteps Perlen auf Weinkrügen;
die Tafeln Assurbanipals aus Ninive;
Blaspfeife, Hefteisen, Holzplatte: jeden einzelnen Schritt.
Welches Feuer man nimmt, um Lehm transparent zu machen.
"Glas liegt nicht in unserer Familie", sagte er.
"Meine Vorväter waren Alchimisten, sie veredelten
niedere Legierungen, wie Zink und Blei;
sie glaubten an ein Universum mit den vier Ecken
von Wasser und Luft, Erde und Feuer.
Sie verbrachten ihr Leben mit Blasebalg und Schmelzofen.
Sie waren Metallkundige, aber sie strebten
nach Mystik. Alchimie war für sie keine Scharlatanerie,
die der Gier nach Reichtum vorgespannt ist.
Das Ziel war es, das Irdische ins Himmlische,
Krankheit in Gesundheit umzuwandeln.
Die Dinge haben sich geändert; eine Philosophie schlüpft aus
wie ein Alter seine Zähne verliert. Nichts hat Bestand.
Verfall beginnt mit der Geburt:
wir rosten wie Eisen, wir splittern wie Glas."
Wir gingen am Abfall vorbei zu seinem Siede-Raum,
wo ein schilfdünner Knabe in zerlumptem Hemd
und verlorener Miene sein Eisenrohr
in einen kleinen Bottich mit Quarzmasse tauchte.
Der Schmelzofen, mit feuerfestem Tiegel und Abzug,
knisterte und zischte. Die dürren Arme des Jungen
glühten mattrot auf den Schienbeinen als er
das Eisenrohr an seine Lippen setzte und dann blies.
Seine Wangen wurden zu aufgeblasenen Halbkugeln;
sein Hals, gerippt und ädrig, wandte sich zum Nacken hin,
wenn er ausatmete. Ein Tropfen blähte sich
am anderen Ende der Pfeife und erstarrte zur Form.
Geruch von verbranntem Harz, fossilem Gummi, Wundern,
von eben niedergegangem Blitz stieg aus der Kugel,
wie es sein sollte, mit Lehm verändert,
um die helle Transparenz der Seele zu kopieren.
Als Menschen das erste Mal diese Gestalt des Nebels sahen,
diesen Schleier, der nichts verschleierte - herrliches Trugbild! -
und Glas in die Farbe des Raums auskühlte, schrien sie:
"Das ist kein Gegenstand, das ist Gedanke, Wahrnehmung!"
(aus dem Englischen übertragen von Jürgen Brôcan)