Im freien Fall mit offenen Augen
Erzählungen
von Raymond Carver
Der einhellige Enthusiasmus, mit dem die Kritiker auf die ersten beiden Bände der Erzählungen Raymond Carvers in neuer deutscher Übersetzung - "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" und "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" - reagiert haben, könnte eine gewisse Skepsis wecken: Vielleicht überdeckt der Ruf des Alkoholikers und zu früh verstorbenen starken Rauchers, dessen Biographie voller innerer und äusserer Konflikte war, die literarischen Qualitäten? Doch die jetzt veröffentlichten zwölf Erzählungen des Bandes "Kathedrale" machen jeden Zweifel zunichte: Carver schreibt wirklich gut, beängstigend gut, und seine Short Storys gehören fraglos zu den besten des Genres.
An Carvers Figuren ist die amerikanische Utopie vorbeigegangen, sie befinden sich in einem Albtraum von alltäglichster Banalität: Unglücks- und Todesfälle, unterschwellige Aggressivität, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Beziehungen. Alkohol und der omnipräsente Fernsehapparat haben die Fähigkeit zum Gespräch ersetzt; Missverständnisse, Floskeln, mechanisch abgespulte Sätze dominieren. Und dann die Ruhelosigkeit, das ständige Unterwegssein, das in eigenartigem Kontrast zu den Innenräumen steht, in denen die meisten Erzählungen spielen und die Personen ("Handelnde" möchte man sie nicht nennen) gefangen scheinen: Sie erwarten nicht mehr viel, lehnen sich nicht auf, sind kraftlos und unfähig zu entscheiden.
Unter dem zuweilen sehr amerikanischen Kolorit kommt eine allgemeine existenzielle Leere zum Vorschein, klaffen Abgründe auf, in die man nur stürzen und im Sturz den eigenen Fall registrieren kann. Das Bemerkenswerte an Carvers Storys ist, dass trotz der artifiziellen und komprimierten Darstellung stets der Eindruck beim Leser entsteht, er belausche ein Geschehen, das gerade jetzt irgendwo tatsächlich abläuft.
Man muss die Frage nicht endgültig beantworten, ob oder in welchem Ausmass die Schnitte und offenen Schlüsse der frühen Storys auf Carvers Lektor Gordon Lish zurückgehen, um festzustellen, dass die unredigierten Erzählungen in "Kathedrale" weniger spektakulär sind und auf äusserliche Effekte verzichten. Paradoxerweise erreicht Carver damit eine umso eindringlichere Wirkung. Als Beispiel mag die Geschichte "Eine kleine, gute Sache" dienen. Verglichen mit deren kürzerer - gekürzter? - Fassung in dem Band "Wovon wir reden . . ." wird hier das Grauen, das unter der Oberfläche des geregelten Alltags steckt, noch verstärkt, wenn der Arzt in immer neuen Anläufen nichtssagender Trostfloskeln das Ehepaar, dessen Sohn nach einem Autounfall im Wachkoma liegt, zu beschwichtigen versucht.
Carver ist vor allem ein Meister der ersten Sätze: Sie springen mitten ins Geschehen, gaukeln vor, nötige Informationen zu liefern, und weben die Maschen des Unaussprechbaren nur dichter. Die eigentlichen Erzählungen sind die "grossen Löcher" - eine Formulierung Carvers aus seinem Essay "On Writing" -: jene Tragödien, die sich hinter der mitgeteilten Handlung abspielen. Die Art der Darstellung entspricht insofern ganz der Wortlosigkeit der Personen.
"Die Frau hiess Miss Dent, und früher an
diesem Abend hatte sie eine Waffe auf einen Mann gerichtet." So beginnt
"Der Zug". Die Nennung des Namens täuscht eine Genauigkeit
vor, die der Text nicht einlöst. Denn man erfährt
weder Motive noch Folgen der Tat. Das ältere Ehepaar, das den
Wartesaal des Bahnhofs betritt, in dem auch Miss Dent sitzt, scheint
ebenfalls aus einem verstörenden Ereignis zu kommen, das kaum
mehr als angedeutet wird. Drei Menschen in einem Wartesaal, sie haben
sich nichts zu sagen, sehen sich feindselig an und steigen schliesslich
in einen Zug, der irgendwohin durch die Nacht fährt. Die
Unwissenheit, in der der Leser zurückgelassen wird, ist
zugleich diejenige von Carvers Figuren.
Helden der Hilflosigkeit - so wären sie zu bezeichnen. Das
Paar, das mit der Hässlichkeit des Babys eines befreundeten
Paares nicht umgehen kann; der Mann, der in Lethargie
verfällt, nachdem er seinen Arbeitsplatz verloren hat; der
Alkoholiker, der sich von seiner Frau einen Ohrpfropf entfernen
lässt und dennoch nicht hört, nicht hören
will, was sie ihm zu sagen hat. Keine Kommentare, keine moralischen
Wertungen, Carver hält bloss fest, nimmt
nebensächliche Einzelheiten wahr und erreicht in den besten
Momenten eine symbolische Ebene. Etwa wenn ein Mann im Entziehungsheim
berichtet, wie er als Kind in einen Brunnen fiel und oben den blauen
Himmel und Vogelschwärme sah. Der Vater rettete ihn mit einem
Seil. Und man weiss: Dort, wo er jetzt ist, wirft einem niemand ein
Seil zu.
Einzig in der titelgebenden Story blitzt kurz eine schon nicht mehr erwartete Hoffnung auf. Ein Blinder, dessen Frau gerade gestorben ist, besucht eine langjährige Freundin; ihr Mann ist nicht sparsam mit Vorurteilen gegenüber dem vermeintlich Behinderten. Erst als die beiden Männer gemeinsam, eine Hand auf die andere gelegt, eine Kathedrale zeichnen, gelingt die Annäherung: "Meine Augen waren noch geschlossen. Ich war in meinem Haus. Das wusste ich. Aber es fühlte sich nicht so an, als wäre ich irgendwo drinnen. ‹Das ist wirklich was›, sagte ich."
Der Übersetzer hat sich sehr gut in den lakonischen Stil Carvers eingefunden. Nur gelegentlich stolpert man über Stellen, die nicht ganz den umgangssprachlichen Sound treffen - würde z. B. ein gerade aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrter schwarzer Soldat wirklich "Mädel" (girl) sagen? Doch das tut der Wirkung Carvers auch in der deutschen Version keinen Abbruch. Mit Spannung erwarten wir also den vierten Band der Berliner Edition, der Essays, verstreute Erzählungen aus Literaturzeitschriften und bisher unveröffentlichtes Material versammeln wird.
Jürgen Brôcan
Raymond Carver: Kathedrale. Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. Berlin-Verlag. Berlin 2001. 268 S.