Wörter-Paarungen
Gesammelte Gedichte von Lothar Klünner


Welche Bodenschätze im "kulturellen Outback" (Rühmkorf) zu finden sind, fernab der Medienwirksamkeit und wohl ohne eine Chance, jemals in den Bereich dessen zu rücken, was als Kanon immer wieder kontrovers diskutiert wird, das zeigt der neue Gedichtband von Lothar Klünner.

Klünner, Jahrgang 1922, studierte Theologie und Kunstgeschichte, bevor er sich gleich nach dem Krieg für die Arbeit als freier Schriftsteller und Übersetzer entschied. Wie für viele andere Dichter seiner Generation gingen damals auch für ihn entscheidende Impulse von der französischen Lyrik aus, die vom Surrealismus oder zumindest von surrealistischen Metaphern geprägt war: Metaphern, die einerseits befreiende Wirkung hatten, andererseits aber in den Verdacht eines gefährlichen Irrationalismus gerieten. 

Für Klünner ging es indes um mehr als psychische Introspektion oder blosse Lust am Sprachspiel: die Freundschaft mit René Char, die von der ersten Begegnung 1951 in Paris bis zu dessen Tod hielt, setzte andere Massstäbe. Char hatte sich Mitte der dreissiger Jahre von den Surrealisten abgewandt, seine Dichtung wurde gesellschaftskritischer, sie lotete die Bedingungen menschlicher Existenz aus und verortete sich unwiderruflich in die Landschaft der Provence, ohne die ,dunklen' Metaphern aufzugeben. Sein Werk, dem Klünner zusammen mit Johannes Hübner eine adäquate deutsche Stimme verlieh, war prägend und hinterliess deutliche Spuren. 

Lothar Klünners Gedichte liegen jetzt erstmals in einem Band gesammelt vor, der neben den bisherigen publizierten fünf Büchern auch eine Auswahl früher Texte sowie fast fünfzig neue Gedichte enthält. Der Aufschrei ist zu hören: darf man heute noch so schreiben? ist das nicht zu wenig konkret, zu unsinnlich, zu pathetisch? Man darf - wenn Intention, Sujet und Stil stimmig sind. Vom Meer und von mediterranen Landschaften bis zum Berliner Hinterhof, von Totenklagen bis zu Liebesgedichten, von Picasso bis zu Horst Janssen reichen die sprachlichen Visualisierungen, die Beschreibung und bilderflutende Assoziation miteinander verschränken. Die grosse Geste, der hohe Ton, die langen Bögen der Wortmelodien: sie finden vielfach einen ernüchternden Gegenpol in der Lakonie der Szenarien. Auch wenn Klünners Gedichte nicht mit einer Schwermut sprechen, die für diejenigen Chars bezeichnend ist, so teilen sie mit ihnen doch den unbeugsamen Glauben an Schönheit und Brüderlichkeit mit der Natur, trotz aller durchschimmernden Skepsis den Worten gegenüber, wenn sie "aus zweiter, aus aller Hand" sein sollten. Wer Texte nicht scheut, die der Mitarbeit der eigenen Imagination bedürfen, dem sei dieser Band wärmstens empfohlen.

Jürgen Brôcan

Lothar Klünner: Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin 2000. 176 S., 27,- DM