Sterne des Scheiterns
Ein Meeresroman von Eduardo Belgrano Rawson


Um es gleich zu sagen: dem argentinischen Schriftsteller und Journalisten Eduardo Belgrano Rawson ist mit seinem erstmals 1979 erschienenen Roman "Schiffbruch der Sterne" ein verblüffendes literarisches Kunststück gelungen. Er wagt sich an das schon obsolete Genre der See- und Schiffbruchgeschichte, gewinnt ihm unerwartete Aspekte ab und zeigt nebenbei, dass eine spannende Erzählung im zweifachen Sinn durchaus Tiefgang haben kann.

Durst, Albträume, die tröstliche Orientierung an einigen Sternen, weiter nichts - dann endlich das Geschrei der Möwen: aber sie verkünden nicht rettendes Land, sondern kreisen über eben jenem Schiff, das vor der chilenischen Küste aufgelaufenen ist und das der Seemann Antonio vor elf Tagen in einem Boot verlassen hat. Dieser symbolträchtige Beginn spannt sich durch eine raffinierte dramatische Komposition zu den letzten Kapiteln des Romans.

Im Jahre 1932 - moderne Motorschiffe sind längst Standard - bricht ein klappriger, altersschwacher Schoner vom Hafen Candelaria in Uruguay auf, um Kap Hoorn zu umsegeln. An Bord sind einfache Männer, die alle eine Enttäuschung, eine Verwundung, eine unerfüllte Sehnsucht in ihrem Leben haben. Ihr Kapitän, der "Graue", möchte sich, zusammen mit seiner Frau Dolores, mit diesem gefährlichen Unternehmen einen letzten, lange geplanten Traum erfüllen.

Unter Entbehrungen und Verlusten in der Mannschaft gelingt schließlich die Umrundung des Kaps. Doch dann läuft das Schiff unerwartet auf einen Felsen auf, obwohl die Karte an dieser Stelle ausreichende Wassertiefe verzeichnet. Am Ende der Fahrt wird nur einer überleben, er wird in einer Fischerhütte sitzen, durch die Tür den Morgenstern sehen und erkennen: "Ich werde alleine leben müssen, bis ich sterbe."

Belgrano Rawson entwickelt die Handlung bedächtig und nimmt sich Zeit für seine Charaktere, er zeigt ihre Marotten ebenso wie ihre geheimen Wünsche. Mit jeder Rückblende, mit jedem Perspektivenwechsel steigt die Spannung. Seemannsromantik oder Meeresschwärmerei kommen hier erst gar nicht auf; die wenigen, allerdings sehr dramatischen Sturmbeschreibungen sind geschickt und besonnen plaziert, das eigentliche Ziel der Fahrt, die Umschiffung Kap Hoorns, wird sogar nur in nüchternen Logbucheinträgen reflektiert. Zuletzt zerfasern die Erzählstränge, jeder ist im Überlebenskampf einsam und auf sich gestellt. Belgrano Rawson erreicht dadurch eine lyrische Melancholie, die den Leser in einem unvergesslichen Sog mitreißt. Ihm wird vorgeführt: es gibt nur winzige Inseln des Glücks in einem Meer des Scheiterns.

Jürgen Brôcan

Eduardo Belgrano Rawson: Schiffbruch der Sterne. Aus dem Spanischen übersetzt von Lisa Grüneisen. Verlag C.H. Beck. München 2001. 216 S. 35,- DM