Salut
à Christian Saalberg
Nachwort
zu Saalbergs 23. Gedichtband "Offenes Gewässer"
WO
KEINER WOHNT
Sieben Fragmente zur Lyrik Christian
Saalbergs
I.
Ist der Surrealismus verdächtig, irrationales Denken zu
verbreiten? Lebt der Dichter, der sich surrealistischer Bilder und
Metaphern bedient, in einem Luftschloß, von der Wirklichkeit
abgehoben, abgeschottet, weltflüchtig in subjektive
Innerlichkeit? Solche Fragen waren vor vierzig oder fünfzig
Jahren noch berechtigt, als man unter dem Eindruck des Wahnsinns einer
ganzen Nation stand.
Bereits
auf der ersten Tagung des gesamtdeutschen Schriftstellerkongresses, im
Oktober 1947 in Berlin, wurde eine Programmatik diskutiert, die um die
Begriffe Realismus, Wahrheit und Illusionslosigkeit kreiste. Man
gelangte über die Aufgaben der Dichtung zu einem Konsens,
nicht jedoch über die Darstellungsweise der erlebten
Realität; man lehnte ab, was man als Flucht ins Metaphysische,
als puren Wohlklang und blassen Ästhetizismus empfand.
Insbesondere am Surrealismus haftete die Aura des Unrealistischen und
Irrationalen - eine Be- und Verurteilung, die allerdings nicht auf
genauer Textkenntnis basierte. Von vornherein also besaß
Literatur, deren Sprache nicht direkt und unmittelbar
zugänglich, deren Stil nicht nüchtern und
ernüchtert, die nicht primär selbstreflexiv und zudem
antideskriptiv war, wenig Chancen in der literarischen
Öffentlichkeit.
Mit
dem Verblassen der Themen der 'Trümmerliteratur' verlor in den
fünfziger Jahren die Forderung nach notwendig realistischer
Darstellung allmählich an Gewicht. Andere Formen der
Wirklichkeitserfassung, andere Wirklichkeitsgenerierungen erweiterten
das Spektrum dichterischer Möglichkeiten. Die sogenannte
hermetische Lyrik, etwa eines Paul Celan oder einer Ingeborg Bachmann,
traf dennoch der Vorwurf der Regression, der Dunkelheit, des
Artifiziellen und Artistischen. Vor allem Texten, die sich an der
französischen Moderne orientierten, unterstellte man
Manierismus und gewollte Unverstehbarkeit, was der Forderung nach
Weltbezug, nach unmittelbarer Wirkung und einer neuen, der Historie
angepaßten Sprache widersprach.
Harsch und polemisch fielen die Urteile aus, nicht selten auf seiten der Dichter selbst gefällt. Aber es gab auch jene - vergleichsweise wenigen - Autoren, die durch die Schule des französischen Surrealismus gegangen waren. Für manche, wie Franz Mon oder H.C. Artmann, blieb er bloß eine kurze Phase ihres Schaffens, in der sie die neuartigen stilistischen Errungenschaften aufgriffen; andere machten die surrealistische Bildlichkeit länger für ihre Dichtung fruchtbar, wie Max Hölzer, K.O. Götz, Ilse Schneider-Lengyel, Anneliese Hager, Johannes Hübner, Lothar Klünner, Gerd Henniger, Dieter Wyss und Richard Anders. Noch 1974 sprach Peter Rühmkorff treffend vom "kulturellen Outback", in dem sich der literarische Surrealismus bewege. Daran hat sich, trotz zunehmenden Interesses an der surrealistischen Malerei und zahlreichen Retrospektiven, bis heute kaum etwas geändert.
II.
Was ist Surrealismus? Und vor allem: wie erkennt man ein
surrealistisches Gedicht? Eine überzeugende Definition fehlt
noch immer. Unschärfe an den Rändern zu anderen
lyrischen Richtungen lautet der Befund. Permeable Schubkästen.
Deshalb ist allein schon angesichts der Vielfalt und der Entwicklung
innerhalb der französischen Gruppe der Vorschlag gemacht
worden, nicht von dem Surrealismus, von der surrealistischen Bewegung
zu sprechen. Der kleinste gemeinsame Nenner liegt nicht, wie oft
behauptet, in der Ideologie der Surrealisten - dem psychischen
Automatismus, der Trauminspektion, dem politischen Aktionismus - ,
nicht in André Bretons Forderung nach der Schreibtechnik der
Écriture automatique, die von keiner Schreibpraxis
verbindlich befolgt wurde: sondern in der Gestalt und Gestaltung der
Werke selbst.
Die Vorstellung eines in allen Elementen aufeinander bezogenen Gedichts ist für den Surrealismus obsolet. Das Umfeld, der Mittext eines Bildes bzw. einer Metapher entscheidet jeweils, ob die Bildlichkeit eine außertextliche Wirklichkeit darstellt oder zwei voneinander getrennte Bereiche verschränkt und zu einem disparaten, von der Alltagserfahrung abweichenden Bildkomplex angeordnet werden. Das surrealistische Gedicht zeigt kein Bild der Wirklichkeit im mimetischen Sinn, es zeigt vielmehr das höchst subjektive und überraschungsreiche Bild, das sich der Autor von der Wirklichkeit macht. Diese Bildlichkeit beruht meist auf einem Metaphernensemble, der Reihenmetapher, deren Einzelglieder in keinem sofort erkennbaren Bezug stehen müssen. Demzufolge ist das Merkmal surrealistischer Lyrik nicht die isolierte Metapher - und ein Text nicht durch wenige, ihrer versteckten Referentialität wegen "kühn" wirkende Metaphern bereits als surrealistisch zu klassifizieren: Diskontinuität als Strukturprinzip; der geschlossene Rahmen öffnet sich; die Bilder werden bewußt sperrig aneinander gefügt, sind auf viele Deutungsmöglichkeiten angelegt und bedürfen dafür der phantasievollen Mitarbeit des Lesers.
III.
Christian Saalberg, 1926 in Hirschberg im schlesischen Riesengebirge
geboren, in Zachelmie aufgewachsen, dessen deutscher Name sein
Pseudonym wurde, nimmt unter den Dichtern, die im Zeichen des
surrealistischen Bildes schreiben, eine Außenseiterstellung
ein. Dreiundzwanzig Gedichtbände in einundvierzig Jahren, die
meisten von ihnen ungefähr im Abstand von zwei Jahren
erschienen: die Titel lassen aufhorchen, weil ihre Prägnanz
bereits eine Art dichterisches Programm erhellt: DER TAG ALS VOYAGEUR,
NACH DEM BESUCH DER SIRENEN, DER ABSCHIED DER VOGELMENSCHEN, DAS
GEZWITSCHER DER TOTEN VÖGEL, VOM LEBEN BESIEGT oder zuletzt
NAMENLOSES GEHÖLZ und OFFENES GEWÄSSER.
In
den spärlichen Anthologien zum deutschen Surrealismus sucht
man ihn vergebens, aber auf den Querpfaden der Recherche begegnet man
ihm dann, auch wenn viele seiner Bücher inzwischen
Raritäten geworden sind, weil die Auflagen von vor 1987 einem
Wasserschaden im Verlagslager zum Opfer fielen. Trug dieser Umstand
vielleicht dazu bei, daß es vergleichsweise still um
Christian Saalberg blieb, trotz verschiedener Auszeichnungen wie dem
Lenau-Preis (1988), der Ehrengabe zum Andreas-Gryphius-Preis (1990) und
dem Eichendorff-Preis (1992)...? Im sogenannten Licht der lesenden
Öffentlichkeit stand Saalberg jedenfalls nie, nach wie vor ein
'Geheimtip' unter Lyrikfreunden und -kennern.
Schnell, manchmal allzu schnell kommt einem dieses Wort über die Lippen, wenn man auf einen Autor hinweisen möchte, der unbedingt gelesen werden sollte. Im Fall Saalbergs muß in dem Wort noch etwas mitschwingen: Kritik an einem Literaturbetrieb, der sich bloß sehr sporadisch zu einer Erkundungstour abseits der bekannten Wege aufrafft. Der Grund für Saalbergs verborgene Dichterexistenz dürfte nicht allein in den zerstörten Auflagen und den abgelegenen Publikationsorten zu sehen sein - vielmehr stellte sich wegen des selbst in der gegenwärtigen Stilpluralität eher ungeliebten surrealistischen Duktus der Empfang bei der Welt nicht ein.
IV.
Bevor Saalberg die Lesefrüchte des französischen
Surrealismus im eigenen Garten kultivieren konnte, begann er mit einer
Reihe von Sonetten und anderen traditionellen Strophenformen, dabei
etliche Reminiszenzen nicht verleugnend. Doch in den fünf
Jahren zwischen der ersten und zweiten Veröffentlichung
erlangt sein Stil Sicherheit, Individualität, ist auf der
Höhe der Zeit und zugleich von eigenartiger Verweigerung
vordergründiger Aktualität. Die Gedichte greifen das
Tagesgeschehen nicht unmittelbar auf, reagieren aber zwischen den
Zeilen, anders als die engagierte Literatur es verlangt - sie beziehen
ihre Initialzündung aus der Literatur, der Kunst, der
Geschichte.
In
Saalbergs Dichtung hallt ein Surrealismus nach, der auf kreative,
eigenständige Weise weitergeführt wird und nicht im
Epigonentum verharrt. Die Bilder und Metaphern sind weniger
gekünstelt, manieriert, verrätselt als die der
französischen Vorgänger; der Tonfall der Gedichte
verzichtet auf 'hohles Pathos'; Konkretes und Abstraktes wird
überraschend, aber selten völlig entgegen der Logik
kombiniert. Man spürt sofort: hier spricht einer, der
spielerische Elemente verbannt, dem es ums Wesentliche geht. Aus der
Melange von surrealistischer Reihenmetapher, romantischem Vokabular,
zahlreichen Allusionen, Elementen eines alltagssprachlichen Parlando
und einmontierten Zitaten, die keineswegs nackter Zierrat sind,
entsteht die unverwechselbare Stimme der späten Gedichte
Saalbergs. Sie besitzen eine Musikalität, die sich selbst noch
in der permutativen Kombination von Bildern, wie im Zyklus ICH
KÜSSE DIE AUGEN DER VÖGEL, mit starkem Sinngehalt
auflädt.
Norddeutsche
Landschaft und mediterrane Gefilde. In diesem literarischen
Weltbürgertum bleiben Paris, Prag und Polen die zentralen
Orte. Schlesien, die Landschaft der Jugend, durch die frühen
Zyklen SAALBERGER SOMMER, ROHRLACH. POLNISCHE LIEBE und DAS JANNOWITZER
JAHR in Erinnerung gerufen, heitere, unbeschwerte Eindrücke,
später ein weiteres Mal Thema, unter literarischen Masken, in
Zeitgenossenschaft von Johann Christian Günther und Andreas
Gryphius, mit dem Vorzeichen des Verlustes. Paris, die Stadt der
Dichter, die auf Befreiung des Geistes pochten, Stadt von Saalbergs
REVOLUTIONS-ETÜDEN, Stadt des aktiven Einschreitens
für die Freiheit - vielleicht hat in diesem Gedanken das
zuweilen militaristische Vokabular Saalbergs ihren Ursprung? Prag, die
von Jugend an vertraute Stadt, steingewordene Geschichte. Aus
Beobachtung und Imagination amalgamiert der Dichter hier seine
Wahlheimat. Die Bedeutung der beiden Städte unterstrich
Saalberg dadurch, daß er zuvor verstreute Gedichte in eigene
Sammlungen trug, die Pariser in dem Band VOR DER STATUE VON
ÉTIENNE MARCEL, die Prager in DIE ALTEN NÄCHTE und
SCHWIERIGE RUINEN.
Die Gelegenheit, Gedichte zu sammeln, birgt die Möglichkeit der Überarbeitung; ihnen, seit Mitte der 80er Jahre, einen unverwechselbaren Klang zu verleihen. Aus prosaähnlichen Gebilden werden Langzeilen ohne Interpunktion und mit abrupten Zeilenbrüchen, was die einzelnen Bilder schärfer gegeneinander konturiert; unversöhnlicher stehen die Gegensätze, der Surrealismus winkt mit gleißenden Fahnen herüber. Es ist nicht allein der ökonomische Umgang mit dem aus den Steinbrüchen der Sprache abgeschlagenen Material, weshalb Saalberg Zyklen sichtet, weshalb er Titel von Zyklen als Buchtitel noch einmal verwendet - oder auch umgekehrt - : geheime und offensichtliche Korrespondenzen innerhalb des Werkes machen dies im buchstäblichen Sinn zu einem Lebenswerk, tod- und trauergesättigt, voller Zweifel. Da heißt es: "Das Gezwitscher der toten Vögel in das immer tiefer der Abend versinkt einer im Urwald vergessenen / Lokomotive gleich die kein Kran und keine Trosse mehr hebt"; und weiter unten: "Liegt es an meinen Augen oder ist es dieses unleserliche Sanskrit daß vieles so rätselhaft bleibt und der / Tag immer dunkler wird je weiter ich lese". Welch ein Unterschied zum TAG ALS VOYAGEUR! Gegenwart, in die das Restsignum des Vergangenen einsickert...
V.
Saalberg hat fast allen seinen Büchern Vorworte
beigefügt, die Auskunft erteilen über seine Poetik.
In der 1963 erschienen SCHÖNEN GÄRTNERIN wird die
Aufgabe der Dichtung hochtönend umrissen; der Dichter
gehört zur Schar der mythischen fahrenden Sänger, er
läßt sich vom Gelingen und Zufall der ihn umgebenden
Welt leiten: "Aber er ist auch das Schiff mit den sieben Segeln, das
vor dem Wind treibt, der von den Dingen weht. Wenn die Ankunft
glückt, ist er der gute Zeuge, der die lautere Wahrheit sagt,
nichts verschweigt und nichts hinzufügt und seine Aussage im
Gedicht beschwört. Das Gedicht ist nichts anderes als das
Logbuch dieser Fahrt, das Protokoll einer gelungenen Flucht." Doch wie
lange glücken Fahrt und Ankunft im Diesseits? Vierundzwanzig
Jahre und elf Bücher später überwiegt ein
nüchterner Klang, die Dringlichkeit des resignativen Trotzdem
herrscht vor: "Der Autor ist geboren wie jeder andere und wird morgen
sterben, wenn er dann noch lebt. Vielleicht rennt er nur deswegen
hinter den Wörtern her, weil ihm die Trockenheit in den Adern
brennt. Er schöpft aus ihnen das Blut. Und doch versinkt ihm
das Leben schneller unter den Füßen als die Tinte
braucht, um dieses Blatt zu queren."
Die
Dichtung und der Akt des Schreibens - und man sollte
hinzufügen: des eigenen Geschriebenwerdens - bleibt die
Versicherung gegen die Vergänglichkeit und den Verlust einer
Welt, die sich zu entziehen droht: "Wie dem auch sei, ich werde also
mein Leben wiederaufnehmen, dessen Pulsschlag die schwarzen Lettern
sind, Satz für Satz, mit denen ich diese Seiten
gefüllt, strauchelnd von Wort zu Wort, jedes Wort ein Wort zu
wenig, jedes ein Wort zu viel. ... Erfüllt von der Hoffnung
des Meeres und umgeben von der unwiderstehlichen Kraft der Stille, die
nichts verplaudert, weil alles ihr Geheimnis ist, vertraut der Dichter
einer Sprache, die er nicht kennt, läßt sich in den
Abgrund fallen, den Engeln gleich, die wissen, daß sie
getragen werden. Es ist nicht der Dichter, das Wort spricht sich
selbst." Saalberg greift die Metapher der Fahrt auf, jedoch ist aus dem
Bericht des Gedichts jetzt eine Vision geworden, ein zu suchender
Gegenentwurf: "Nur wenn ihr das Unvorhergesehene erblickt, das vor euch
liegt wie das weite Meer, werden wir wieder über die
große Ordnung reden können." (1989)
Vertrauen
in eine dem Dichter nicht bekannte Sprache; eine Sprache, nach der der
Dichter zwar fahnden und forschen muß, die sich zuletzt aber
seinem Zugriff entzieht und eigentlich ihn trifft; doch man kann ihr
vielleicht auf die Sprünge helfen, mit einem kraftvollen Akt:
"Und ich werde dem Licht, wo ich es finden kann, einen Weg bahnen, wenn
es sein muß mit dem Drillbohrer, damit eines Tages,
vielleicht schon morgen, der Tag wie ein unbeflecktes Laken vom Himmel
schwebt, wie ein übersonnter Traum." (1991) Diese
Selbstgewißheit ist von Zweifeln nicht frei: "Doch ich frage
mich, ob wir mehr finden als sie [die Alchimisten], die wir in den
Tiegeln stöbern auf der Suche nach dem falschen Gold, einer
Sonne aus Blech, statt nach dem einen Wort, das, feuerfest und
gemünzt auf die Elemente einer anderen Wirklichkeit, allein
dieser Welt Paroli bieten kann." (1993)
Mit
dieser anderen Wirklichkeit ist nicht die Überwirklichkeit der
Surrealisten gemeint: Der Surrealismus, zumindest derjenige Bretonscher
Ausprägung, will die gewöhnlichen Aspekte des Lebens
und der Realität aufbrechen mittels einer Sprache, die
Eigenständigkeit besitzt, weil sie sich im
Unterbewußtsein des Menschen neu ordnet und mit Sinngehalt
auflädt, die allerdings auch eine deutliche Tendenz zur
Entgegenständlichung enthält. Saalbergs andere
Wirklichkeit ist vielmehr das "Land nebenan", von dem René
Char gesprochen hat, jener utopische Bereich, der im Hier und Jetzt
verortet ist. "Doch es gibt sie [die verklungene Sprache], begraben wie
ein Pharao unter der toten Reglosigkeit der Erinnerung, deren Pyramide
es Stein für Stein abzutragen gilt, bis auf dem Steingesicht
in den Winkeln der Lippen ein roter Spritzer sichtbar wird. KOMM HERAUS
LEBEN / ICH WILL DICH SEHEN" (1996) In der Vorstellung Saalbergs sind
die Dichtung, das Wort, das Leben untrennbar miteinander verbunden:
keins ohne das andere.
In den letzten Bänden dominiert die Trauer über das Leben in einer unentzifferbaren, verworrenen Welt: "Ich will mich nicht aus der Schlinge ziehen und dieses turbulente Leben, undurchschaubar wie die Wälder Siziliens, sinnlos verherrlichen. Die Sintflut ist vorbei. Nicht aber das Seufzen der Erde, die auf dem Abhang immer tiefer rutscht. ... Wir heben einige Steine auf, in denen sich die untergehende Sonne noch einmal spiegelt. Das ist alles. Es ist nicht der Rede wert." (1997) Nichts als der Abglanz der Sonne in den Bildern des Gedichts - aber schon zwei Jahre später finden wir in einem Vorwort diese Geste des Aufbegehrens: "Wenn alles zu Ende geht, spreche ich noch einmal das Wort ANFANG aus." (1999) Das ist nicht der Zauber, womöglich der Zauberspruch, der jedem Anfang innewohnen soll, es ist das letzte Bollwerk der Worte. "Es ist der letzte Sand, den ich hiermit auf den Friedhof karre. Worte, nichts als Worte, ewig unfähig, das eigene Schicksal anzunehmen, ein Bündel, das ich aufhebe und gleich wieder fallenlasse. ... Alles ist kostbar, jede Lichtung, jeder Nebelstreifen, jedes noch so namenlose Gehölz." (2001) DAS NAMENLOSE GEHÖLZ, von dem es im gleichnamigen Band hieß, daß es "zu bestimmten Stunden die Sonne einfängt", bedarf keiner Benennung mehr durch den Dichter. Es ist anwesend und wert, auch ohne in einem kreativen Akt einen Namen zu bekommen.
VI.
DAS WEITE SUCHEN ist neben den in der deutschen Literatur
einzigartigen, raumgereifenden, prachtvollen Elegien der Sammlungen DAS
GEZWITSCHER DER TOTEN VÖGEL (der Totenvögel?) und VOM
LEBEN BESIEGT vielleicht Saalbergs melancholischster Band:
Abschiedsgedichte, in denen zugleich eine unverbrüchliche
Leidenschaft für das Leben aufflackert. "Die Irrfahrten enden
dort, wo ein Spaten / die Toten begräbt. Hinter der steinernen
// Fassade läßt ein schöner Wahn seine /
Tropfen ins Vergessen fallen." Nicht nihilistische Verzweiflung spricht
aus solchen Zeilen, sondern das Bewußtsein, daß
Schönheit im melancholischen Zustand liegt, vom Leben - nicht
von Tod! - besiegt zu sein.
Südliche
Stätten werden heraufbeschworen, fast wie Zitate, die auf eine
kindliche Sehnsucht verweisen. Allgegenwärtig sind die Steine,
die Ruinen, die Fassaden, die Statuen, deren Schweigen und Stille
Symbole des Todes, aber auch Gedächtnisspeicher, Ablagen
für die vergessenen Augenblicke sind. DAS WEITE SUCHEN meint
einerseits: Flucht vor den Hadesschatten, die sich ins Leben hinein
verlängern, meint aber auch: Suche nach jenem offenen Raum, in
dem die Dinge sich klären und zur Ruhe kommen. "Herkules
brauchte zwei Säulen, / um den Himmel zu stützen. Mir
genügt // ein niedergebranntes Streichholz / und schon wird es
Nacht. // Eine Finsternis, die mit beiden / Beinen fest auf der Erde
steht." Saalberg erfindet eine Transparenz, die den Schrecken der
körperlichen Auslöschung in Bilder bannt und die
verbliebene Schönheit aufhellt.
Viele Gedichte Saalbergs drehen sich um eine in den Zeitläuften entschwundene Heimat, aber Beheimatetsein ist etwas noch anderes, etwas, das in den Bereich des Metaphysischen fällt. Trauer weht aus jenem Bezirk herüber, den Schilder mit der Aufschrift HIER WOHNT KEINER versperren. In seltsam zurückhaltendem Gestus spricht man dort vom eigenen Werk, als dem einzigen, das nach dem physischen Verdämmern bleibt. Angesichts des Weltverlusts hat es wenig Gewicht, trotzdem, es ist ein Medium, das Zeugnis für die Anwesenheit ablegt. Vom offenen Konstruktionsprinzip des surrealistischen Gedichts bestimmt, gleichen diese Gedichte einem rhapsodischen Schwanengesang.
VII.
"Gepriesen seien die Schriftsteller, die nichts mehr zu sagen haben und
deswegen schweigen", lautet ein Motto aus HIER WOHNT KEINER, Saalbergs
zweiundzwanzigstem Band. Doch der Lyriker hat durchaus noch etwas zu
sagen und kann, ja darf darum nicht schweigen: Er steht in einer
kontemplativen Distanz zur Welt, mit empfangsbereiten Sinnen, spricht:
"Ich sehe zu, wie die Steine langsam älter werden und betaste
den Wind" (so der Wortlaut des Entwurfs), und setzt gegen die Lethargie
und Todesfurcht das Schreiben: "Und doch ist dieses Blatt, sein
Weiß, das den Erdball zu umspannen scheint, ein Weg, der
einzige, auf dem ich gehen kann". Auf dieser Kriechspur der Worte, auf
einem Papier, dessen Leere alle Möglichkeiten für die
Fülle enthält, lassen sich die Dinge für
kurze Zeit erkennen und benennen, um dann rasch wieder in Schlaglichter
und Bruchstücke der Erinnerung zu verschwinden. Ein langes,
langsames Abschiednehmen wird von einem letzten Buch zum
nächsten zelebriert, ein traumtrauriger Blick streift die
Erde, zieht Bilanz, schickt die Imagination aus, um Konkretes mit
surrealistischen Bildketten zu verschmelzen. Man hat den Eindruck, man
würde durch ein Gemälde von Giorgio de Chirico oder
René Magritte wandern, man würde sie
hören, diese "Geräusche und Séancen von
einer anderen Seite der Welt, die wir im Jenseits vermissen / Werden".
Vorm inneren Auge säumt vorbei, was sich in zeitlicher und
räumlicher Distanz befindet, südliche
Stätten, das Meer, die Wolken, das Gedächtnis der
Steine und Ruinen, um die Frage zu klären, "ob die Freuden der
Welt wirklich nur Kehricht sind, wie die / Heilige meint und wie dem
Propheten Amos zumute war".
Wer
DAS WEITE sucht, ist nicht auf der Flucht, sondern stellt sich den
Dingen, den Gefahren. Mit dem Tod sollte man auf Kriegsfuß
stehen, aber man muß ihn als ehrlichen Gegner akzeptieren. Es
gilt also, möglichst ein paar "stille Tage in der Rue M." zu
verbringen und "einen letzten Umzug [zu] überstehen", wenn
ringsum alles andere zunehmend zerfällt und in sich
zusammensackt. "Meine Augen lesen mir aus der Zeitung einen Artikel
vor, der vergiftet ist von Armeen auf / Unlinierten Zeilen. / Dabei
wollte ich eine Rede über die Schönheit
hören, der ich noch einmal die Hand küssen / Will."
Die militant aufrührerische Geste früherer Gedichte
Saalbergs, die an radikale Äußerungen der
Surrealisten erinnerte, ist einem resignativeren Tonfall gewichen, bei
allem "eingefleischten Widerwillen gegen eine schnauzbärtige
Gerechtigkeit".
Je schneller der Sand aus den Uhren rinnt, desto hartnäckiger verfolgt der Dichter die Sprache. Seine Wörter brauchen die Form nicht mehr zu umbuhlen, sie passen sich dem bewährten Gefäß an, zuweilen mächtig gegen die Wände des magischen Kästchens pochend. Es bleibt die traumwandlerisch sichere Bewegung: Das Oszillieren des Wortes auf dem OFFENEN GEWÄSSER zwischen Schönheit und Schrecknis.
Jürgen
Brôcan
Dortmund, im April 2004