Das Haus der wunden Seelen
Stewart O’Nans Porträt einer amerikanischen Familie

 

Im Abstand von ein bis zwei Jahren legt der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan ein neues Werk vor, und jedes Mal gelingt es ihm, Stoff und Form zu einer individuellen Romanwelt zu amalgamieren, wobei die Thematik die jeweiligen gestalterischen Mittel vorgibt und Erzähltempo und Erzähldynamik bestimmt. In “Abschied von Chautauqua”, im Original 2002 unter dem schlichten Titel “Wish You Were Here” erschienen, weist sich O’Nan als ein Meister zelebrierter Langsamkeit aus. Damit steht dieses Buch in denkbar krassem Gegensatz zu dem ein Jahr später veröffentlichten Roman “Hallo­ween”, einem hektischen, mit Horrorelementen spielenden Stimmengewirr.


Emily Maxwell verbringt gemeinsam mit ihrer Schwägerin, ihren Kindern und Enkelkindern im Sommerhaus am Lake Chautauqua eine halb verregnete Augustwoche. Trostlos wie das Wetter ist die Umgebung: aufgegebene Restaurants, verfallene Golfplätze, eine neue Brücke über den See verschandelt die Aussicht, was einst von Herrenhäusern im viktorianischen Stil besiedelt war, bemüht sich nun als Touristenort und Refugium für Neureiche durchzukommen. Über allem schwebt eine melancholische Atmosphäre: Es ist das letzte grosse Familientreffen, bevor das Sommerhaus verkauft wird.


Wenn Stewart O’Nan solche Konstellationen entwirft, liegt in ihnen stets das Potential für Konflikte, Rivalitäten, Enttäuschungen und unbewältigte Frustrationen. Die Personen des Dramas sind: Die scheinbar resolute Emily, die ihre Unsicherheit hinter Listen versteckt, die sie aufstellen und methodisch abarbeiten kann. Ihre Schwägerin Arlene, eine unverheiratete Lehrerin im Ruhestand, die über verpasste Chancen reflektiert. Emilys Kinder Ken, ein aus Mangel an Originalität gescheiterter Photograph, und Meg, eine frisch geschiedene, trockene Alkoholikerin. Die pubertierenden Cousinen Ella und Sarah, die beiden Cousins Sam und Justin, jeder auf seine Weise problembeladen. Schliesslich Lise, die Schwiegertochter, die mit Ken eine permanente Ehekrise austrägt und sich im Familienkreis wie das sprichwörtliche fünfte Rand am Wagen fühlt.


Minutiös werden, aus wechselnden Perspektiven, die Gedanken und Handlungen der neun Familienmitglieder beschrieben, denn in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht versuchen alle, ihre jeweilige Position durch behutsames Justieren von Nähe und Ferne zu bestimmen. Der Urlaub wird nicht bloss wegen der familiären Enge als belastend empfunden. Es ist eine Zeit, die es auszufüllen gilt, “die Woche eine Lücke in ihrem richtigen Leben” in der “erzwungenen Intimität des Sommerhauses”. Man verbringt die Freizeit mit Vergnügungen und banalen Gesprächen, die selten an die persönlichen Schwierigkeiten rühren. Nachgedacht wird viel, ausgesprochen jedoch wenig. Trifft das Zwiegespräch einmal wunde Punkte, dann muss man sich rasch “ein Thema einfallen lassen, das sie beide froh stimmen, beide unversehrt lassen würde”. Eine Zeit, in der man nicht “in die alltägliche Vergesslichkeit eintauchen” kann, ist schwieriger als der Alltag selbst, denn sie zwingt dazu, sich mit Problemen auseinanderzusetzen.


Vor allem ist “Abschied von Chautauqua” ein Roman über den allmählichen Verlust von Erinnerungen und das Bemühen, diese Erinnerungen zu bewahren. O’Nan greift hier auf ein in der amerikanischen Literatur beliebtes Muster zurück: Die Erfassung der Gegenwart durch den retrospektiven Blick. “Ken gab sich dem Rhythmus ihrer gemeinsamen Erinnerungen hin, froh, nicht darüber reden zu müssen, worauf ihr Leben zusteuerte”, und das trifft ähnlich auf alle anderen Figuren der älteren und mittleren Generation zu. Den Mangel an Zukunftsperspektiven wiegen sie durch ihre Erinnerungen auf, selbst wenn damit nachträglich idyllisierende Korrekturen einhergehen. Die Generation der Kinder dagegen gleicht den geringen Erinnerungsvorrat mit Phantasien über eine Zukunft nach ihren geheimen Wünschen aus.


Erinnern bedeutet auch, über das Verrinnen der Zeit zu reflektieren. “Alles, was sie geliebt hatte, war verschwunden, alles, was sie kannte, war nutzlos, all die Lieder und Tänze, die tollen Rezepte, wie bei einer alten Frau, deren Kleider längst unmodern sind. Doch genau das war sie, ganz und gar nicht erstrebenswert: eine alte Frau. Das hätte sie nie für möglich gehalten.” Das Sommerhaus der Maxwells stellt sich als ein Ort der Beständigkeit heraus, einer, der vertraut bleibt, während sich die Welt ringsum verändert. Mit dem Verkauf des Hauses geht ein Stück der eigenen Biografie verloren, doch eröffnet er zugleich Chancen für Neuanfänge - ob sie wahrgenommen werden, liegt freilich jenseits des Erzählten.


Das lockere Handlungsgerüst wird vom Motiv der Abwesenheit umklammert. Es sind zwei verschiedene Leerstellen, die ausgefüllt werden müssen, einmal durch Erinnerungen, das andere Mal durch Phantasien. Die Gestalt von Henry, Emilys kürzlich verstorbenem Mann, ist überall präsent, erlangt allerdings im Mosaik der Erinnerungen kaum richtige Kontur, bleibt verschwommen wie eine schlecht belichtete Folie. Das Verschwinden, möglicherweise die Ermordung, einer Tankstellen-Kassiererin bietet einen Raum für Spekulationen, die von der Abwesenheit des eigenen Familienmitglieds ablenken; der Fall wird im Laufe des Aufenthalts der Maxwells nicht geklärt, was das Ausschnitthafte des Romans zusätzlich hervorhebt.
Stewart O’Nan nimmt jeden seiner Protagonisten mit seinen Sorgen und Problemen gleichermassen ernst. Mit grosser Beobachtungs- und Einfühlungsgabe schildert er jede Gemütsregung, jede Geste, enthält sich aber streng eines auktorialen Kommentars. Alle Details eines Tagesablaufs, selbst die Toilettengänge, das Ketterauchen, die erotischen Wünsche, werden festgehalten, gleichsam wie auf Photos dokumentiert. O’Nan erfasst lückenlos einen Alltag der amerikanischen Mittelklasse, eingeschlossen Trivialitäten, Sentimentalitäten, gerade aktuelle Filme, Golfpartien, die unvermeidlichen Gameboys - in einer präzisen Umgangssprache, die die deutsche Übersetzung mit unschönen, stellenweise stilistisch schiefen Formulierungen manchmal allzusehr betont.


Die bedächtige, detailfreudige Erzählweise hält das Verrinnen der Zeit für eine Woche auf, weist einmal mehr auf die Werthaftigkeit der Gegenwart hin. An den durchschnittlichen, unbedeutenden, keineswegs immer sympathischen Figuren von “Abschied von Chautauqua”, ja, an der Omnipräsenz des Banalen führt O’Nan, in gewisser Nähe zu John Updike, das menschliche Dilemma vor. Am Ende des Romans haben die meisten Figuren ein paar Einsichten über sich gewonnen; aus der Tretmühle des Alltags entkommen oder sich grundsätzlich verändern konnten sie aber nicht. Das ahnt man als Leser schnell - und bedauert nach siebenhundert Seiten trotzdem, dass man diese Romanwelt des literarischen Magiers Stewart O’Nan verlassen muss.

Jürgen Brôcan

Stewart O’Nan: Abschied von Chautauqua. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2005. 700 S., Fr. 43,70.