Die Übersetzung als Passagenwerk
In den Bemerkungen zum West-östlichen
Divan unterscheidet Goethe drei grundlegende Kategorien von
Übersetzungen dichterischer Werke: die
Prosaübersetzung, die primär der Vermittlung des
Fremden diene und dabei alle stilistischen Eigentümlichkeiten
aufhebe; die „parodistische" Übersetzung, die man
nach modernerer Terminologie als einbürgernde oder
adaptierende bezeichnet, weil sie fremde Elemente durch vergleichbare
aus der eigenen Sprache und Kultur ersetzt; und eine
Übersetzung, die sich „dem Original identisch"
machen und an dessen Stelle treten möchte. Auch wenn alle drei
Möglichkeiten auf ihre jeweils eigene Art eine
„Annäherung des Fremden und Einheimischen, des
Bekannten und Unbekannten" darstellen, gibt Goethe deutlich der letzten
den Vorzug. Doch entsprechen die vorhandenen Übersetzungen
tatsächlich einer solchen kategorischen Definition,
verschwimmen die Grenzen nicht vielmehr?
Inzwischen sind Goethes Kategorien
natürlich von wissenschaftlicher Seite und aus den Reihen der
‘Praktiker’ — hier ist vor allem Ezra
Pound zu nennen, Dichter und Übersetzer in Personalunion
— weiter differenziert, diskutiert, zuweilen auch verworfen
worden; daß sie aber keinesfalls veraltet oder sogar
überholt sind, beweisen Übersetzungen aus den letzten
fünfzig Jahren zu Genüge.
Beginnen wir mit einem oft zitierten Bild: den
Trümmern Babels. Wenn auf ihnen jede Sprache ihr
‘künstlerisches Paradies’ gefunden hat,
dann wäre es Aufgabe der Übersetzung, gangbare Wege
vom einen zum anderen zu bahnen. Aber nach welchen Grundrissen, welchen
Maßstäben? Das Übersetzen von Texten
erfordert fraglos die Beherrschung des Handwerks, das noch im Ursprung
des Wortes translatio steckt, Verpflanzen und Versetzen, sie erfordert
aber ebenso Inspiration und Kreativität: das Lateinische kennt
für das literarische Übersetzen eine Vielzahl Worte,
die vor allem in den Bereich des Interpretierens und Imitierens weisen.
Zunächst ist Übersetzen eine Form
der Textkritik, denn sie setzt sich mit dem Originalwerk auseinander,
schließt es auf und erweitert dabei
(selbstverständlich selektiv) unser kulturelles
Gedächtnis und liefert einen Beitrag zur nicht-kommerziellen
Globalisierung. Eine solche übersetzerische Interpretation
erschöpft sich nicht im Verstehen grammatischer und
lexikalischer Strukturen, sondern erfaßt, soweit
möglich, Spiel- und Zwischenräume, wobei von Anfang
an Kunstfertigkeit und Sensiblität gefragt sind. Das Gedicht,
flügge von seinem Autor in die Welt entlassen, ist ein
Individuum und bringt in der Regel eine Eigengesetzlichkeit mit, deren
Übertragung in eine andere Sprache vor allem in sich stimmig
sein muß, damit das auf diese Weise entstandene Werk
ebenfalls Individualiät erlangt.
„Nach Babel": es gibt menschlich
Gemeinsames, Verbindendes, wenn nicht in der Sprache, dann in der
Erfahrung, ohne die eine Sprache leeres Geplauder wäre. So wie
die Welt von unseren Sinnen interpretiert wird, macht das Gedicht in
der Übersetzung eine Transformation durch: Es bleibt ein
Abstand zum Original, es gehen bestimmte Aspekte verloren,
dafür kommen andere hinzu. Die Übersetzung befindet
sich in stärkerer Bewegung als das historisch einmal
niedergelegte Original, sie kann in allen Zeiten neu erarbeitet und
wiederholt werden, ein Werk zwischen fixierten Stadien, von einer
für gültig befundenen Form zur nächsten, ein
transitorisches Werk, eines des Durchgangs, der Passagen,
abhängig von Moden, Gewohnheiten, Ideologien und anderen
konzeptionellen Erwägungen. Es transportiert nicht
bloß ‘Etwas’, von Ufer zu Ufer der
Wörter, sondern erinnert uns auch an das Fließende
der eigenen und der fremden Sprache selbst. Am sinnfälligsten
scheint es daher, die Übersetzung als einen Prozeß
aufzufassen: als dauernde Bewegung, ständige Abstimmung
zwischen dem Eigenen und dem Anderen.
Wer übersetzt, steht vor
unlösbaren Problemen und ist zu ‘faulen
Kompromissen’ gezwungen. Philologische Korrektheit,
feuilletonistisch manchmal gleichgesetzt mit
größtmöglicher Wörtlichkeit,
scheint ein Bildungsrelikt, leicht überprüfbar,
Sicherheit suggerierend, wo keine existiert: sie setzt voraus,
daß sich die verschiedenen Aspekte der einen und der anderen
Sprache vollkommen und ohne Verluste zur Deckung bringen lassen.
Wer übersetzt, tut dies in seiner
jeweiligen Zeit und für sein jeweiliges Publikum. Die
Übersetzung (oder besser: das Übersetzen)
wäre demnach niemals ausgeschöpft, es
eröffnen sich stets weitere Möglichkeiten, neue
Einsichten, andere Ausleuchtungen bislang unentdeckter Details: eine
„unendliche Aufgabe" (Klaus Reichert). Übersetzen
meint: ein kalkuliertes Spiel mit allen — plausiblen
— Möglichkeiten der eigenen und mit den Bedeutungen
einer anderen Sprache. Gerade die Vielfalt potentieller
Übertragungsmöglichkeiten eines Gedichts, gereimt
oder ungereimt, metrisch oder prosaisch, enthüllt die Spanne
kreativer Interpretationen.
Auf der Ebene der Sprachmittlung sieht sich der
Übersetzer mit übersetzbaren und nicht
übersetzbaren Elementen konfrontiert. Er bildet Wortspiele
nach, wobei das ursprüngliche Bild unter Umständen
verloren geht, er imitiert Klänge, Vokalharmonien,
Alliteration, er ahmt Strukturen nach, ohne vielleicht die selben
Klanggebilde wiedergeben zu können. Ein Merkmal besonders der
modernen Dichtung ist oft nur unter Verlusten zu imitieren: die
Zeilenbrüche, die mit dem letzten und dem ersten Wort einer
Zeile einen Bedeutungsschwerpunkt setzen. Die Übersetzung kann
im Bemühen um Wirkungsäquivalenz solche
Brüche nachahmen, indem sie die Prinzipien des Autors auf die
eigene Sprache anwendet, doch sie wird niemals in Gestalt eines ganz
und gar identischen Klons erscheinen.
In gewisser Weise ist der Akt des
Übersetzens mit dem Vorgang, Noten zum Klingen zu bringen
vergleichbar. Beides zielt vor allem auf ästhetischen
Genuß ab. Die Fragen, denen man bei der Passage vom Original
zur Übersetzung begegnet, sind vielfältig: Welche
Wirkungsintentionen hat der Text mutmaßlich? Welchen Ort hat
der Stil des zu übersetzenden Werkes innerhalb von dessen
Sprache und Literatur, und welche angemessene Entsprechung
könnte gefunden werden? Welche Kulturelemente sind vorhanden?
Selbst die Übersetzung von Texten aus einem nicht einmal als
sonderlich ‘fremd’ empfundenen Kulturraum
führt uns diese Problematik vor Augen. Namen von Pflanzen,
Tieren, Orten und besonders bestimmter Konsumgütern tragen oft
ein hohes Maß an konnotativer Bedeutung in sich, für
die es eben kein Äquivalent gibt. (Der Black Forest ist nicht
der Schwarzwald. Und „Oreos" spielen im kulturellen Leben der
USA eine ganz andere Rolle als beispielsweise die
„Prinzenrolle" von de Beukelaer.) Das Faktum selbst ist und
bleibt dann der ‘Fremdkörper’ in einem
ansonsten anverwandelten Textkörper. Es gibt keine
‘reine’ Übersetzung.
Wenn die kulturelle Distanz zudem eine historische
ist, gerät die Übersetzung in ein besonderes Dilemma,
abzulesen an der griechischen und römischen Literatur in
Übersetzungen — überaus exakt sind sie,
doch Dichtung häufig leider nicht.
Wer erfaßt heute, wo die Städte rohrfundiert sind
und Wasserhähne jeden Haushalt versorgen, wo
Vorgärten und Golfrasen in verschwenderischem
Überfluß gesprengt werden, die ganze Bedeutung des
„Wassers des Lebens", von dem die Offenbarung des Johannes
spricht, wertvoller als Gold und Edelsteine, kostbarstes der
göttlichen Heilsversprechen? Solche Bilder müssen
erhalten bleiben und setzen die interessierte Hinwendung des Lesers
voraus. Was imitiert werden kann, ist der sperrige,
eigentümliche Stil dieses visionären
Großgedichts, voller scheinbarer Fehler und
Solözismen. Die Entscheidungen der Anverwandlung, eine weitere
Bedeutung des lateinischen Begriffs translatio, sind Entscheidungen
über die angestrebte Wirkung, die, in diesem Fall, wesentlich
stilistischer Natur sind und vielleicht einem expressionistischen
Duktus entsprechen.
Das berührt den alten Streit zwischen
Übersetzern, in welchem Maß das Fremde erhalten
bleiben solle oder nicht. Auf der einen Seite widerspricht ein
— vielleicht sogar als störend empfundener
— ‘Fremdkörper’ der
Wirkungsäquivalenz, auf der anderen Seite jedoch belebt er die
eigene Sprachwelt und eröffnet ungehörte, ja
unerhörte Möglichkeiten für sie. Die
Übersetzung, die Nach-Dichtung ist, gezähmte
Freiheit, bemüht sich um Wörtlichkeit und versucht
zugleich, in die Eingeweide der anderen Sprache zu dringen und dort
jene Freiräume zu entdecken, die die Textaneignung den simplen
Kategorien von ‘richtig’ oder
‘falsch’ enthebt.
In der gegenwärtigen Verlagslandschaft ist
diese Art der Übersetzung nicht besonders willkommen; es ist
vielmehr die Tendenz zu beobachten, Abweichung von einem als Norm
empfundenen Stil zu nivellieren und Eigentümlichkeiten (das
Salz der Lyrik!) zu verflachen. An dieser Stelle muß ein
Phänomen ins Spiel kommen, daß wir als
‘kreatives Mißverständnis’
bezeichnen können. Damit sind nicht grobe Schnitzer und kleine
Patzer gemeint. Es ist das Material selbst, das zu solchen Verlesungen
verführt und in der Übersetzung Bedeutungen annimmt,
an die sein Autor womöglich nie gedacht hat.
Es gibt zwei Übersetzungsmaximen, behauptet Goethe in seiner Gedenkrede auf Wieland, in Nachbarschaft zum West-östlichen Divan entstanden: entweder den Text zum Leser hin oder den Leser hin zum Text zu bewegen. Wieland, dem wir treffliche Eindeutschungen von Horaz, Lukian und Shakespeare verdanken, habe stets „den Mittelweg" gesucht, der die Vorzüge beider verbinde. Das übersetzte Werk, im doppelten Sinn eine ‘Ver-Mittelung’, ist ein instabiles Gebilde, nach allen Seiten hin offen, durchlässig, auch verletzlich. Darin mag sein Reiz liegen.
Jürgen Brôcan
Deutsches
Original des in "Art & Thought" (79/2004) erschienenen Essays
"Translation as Work in Transit".